Donnerstag, 29. Oktober 2015

Postulat der Wertneutralität - Werturteilsfreiheit

Im Zuge des Begründungszusammenhangs von Forschungsprozessen taucht hin und wieder der Begriff der Wertneutralität auf, der in der Wissenschaft oft kontrovers diskutiert wird.

Was bedeutet dieses Postulat und welche Konsequenzen ergeben sich daraus?

In Anlehnung an Schnell, Hill, Esser habe ich die wichtigsten Inhalte darüber zusammengetragen.


Werturteilsstreit

Welchen Einfluss haben Werte (persönliche Meinungen, politische Anschauungen, ideologische Ziele) auf die wissenschaftliche Arbeit?“

Max Weber

  • jede wissenschaftliche Erklärung und Beschreibung von sozialen Tatbeständen ist wertend in der Hinsicht, dass sie aus einer unüberschaubaren Menge von möglichen Forschungsfragen bestimmte Aspekte aussucht → Wertung bei der Auswahl der Fragestellung
  • wissenschaftliche Aussagen über die Realität dürfen nicht durch die Wunschvorstellungen des Wissenschaftlers beeinflusst werden → objektive Beschreibung und Erklärung von Tatsachen
  • die Ergebnisse der Wissenschaft werden z.B. in der Politik oder Wirtschaft verwendet, d.h. Verwertet; aber die Resultate geben keinen Hinweis darauf, wie das Wissen verwertet werden soll (Wissenschaftler hat keinen Einfluss auf die Verwirklichung von Zielvorstellungen)
  • Wertungen können Gegenstand wissenschaftlicher Arbeit sein (Werthaltungen beschreiben und erklären, wertende Aussagen hinsichtlich ihrer logischen Konsistenz prüfen...)


→ der Werturteilsstreit bezieht sich darauf, dass wissenschaftliche Aussagen über die Realität nicht
    durch subjektive Werthaltungen beeinflusst werden sollen (Postulat der Wertfreiheit im
    Begründungszusammenhang)


→ unbestritten ist der wertende Charakter des Entdeckungszusammenhangs (Auswahl der
     Forschungsfragen) und des Verwertungszusammenhangs (Verwertung von wissenschaftlichen
     Ergebnissen)


Behauptung:

  • der Wissenschaftler als Mitglied der Gesellschaft ist selbst Teil des Untersuchungsgegenstandes
  • wertfreie Beschreibung von sozialen Tatsachen ist nicht möglich, da der Wissenschaftler die Wertvorstellungen der Gesellschaft teilt und bereits die Wahl der Begriffe Wertungen enthält
  • es gibt keinen Unterschied zwischen nur beschreibenden und wertenden Aussagen
absolutes Wahrheitskriterium
  • Wahrheit der Aussage betrifft den Grad der Übereinstimmung mit der Realität und bezieht sich zugleich auf wertende Vorstellungen
  • Folge: Suche nach Kriterien, nach denen Aussagen im wertenden Sinn wahr oder falsch sind (pragmatisches Wahrheitskriterium)

Popper (Kritischer Rationalismus)

  • Wertungen oder Wunschvorstellungen von Wissenschaftlern dürfen nicht die Beschreibung und Erklärung von Tatsachen (den Prozess der Datenerhebung) beeinflussen
  • die alleinige Prüfinstanz von Theorien ist die Erhebung der faktischen Realität

1. Problem:

  • Wertungen können nicht verboten oder zerstört werden
  • Wertfreiheit ist kein individuelles Merkmal von Personen, sondern ein Postulat, das nur im sozialen Kontext des Wissenschaftsbetriebs realisierbar wird (Kritik und Gegenkritik, freie Diskussion, Toleranz)
Adorno, Habermas (Frankfurter Schule)
  • Theorien müssen nicht nur im Hinblick auf ihre Übereinstimmung mit der Realität überprüft werden, sondern auch im Hinblick auf übergeordnete Kriterien

                                                             2. Problem:
 
  • die Geltung der Theorie muss begründet werden
  • normative Begründungen sind jedoch objektiv nicht begründbar
  • deshalb: Wertsetzung, die nicht logisch zwingend ist
→ verschiedene Vorlieben für bestimmte Forschungsmethoden:

  • analytisch-nomologische Position: quantitative Verfahren
  • hermeneutisch-dialektische Position: qualitative Verfahren




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