Montag, 19. Oktober 2015

Auguste Comte: Drei-Stadien-Gesetz (Modul 1 D, ESF Kurseinheit 1)

Der französische Mathematiker, Philosoph und Religionskritiker Auguste Comte entwickelte das Drei-Stadien-Gesetz, das auch als Gesetz der Geistesentwicklung bezeichnet wird.

Demnach durchläuft sowohl der Mensch (=die Zivilisation und die individuellen Erkenntnisfähigkeiten) als auch die Wissenschaft drei Entwicklungsstadien, die man mit den menschlichen Reifungsprozessen vergleichen kann.

Im theoretisch - fiktiven Stadium findet eine Art Vorbereitung auf die folgenden Stadien statt. Es entspricht einer naiven Vorstellung von der Welt. Ereignisse und Phänomene der Realität, die (noch) nicht erklärt werden können, werden willensbegabten Wesen zugeschrieben. Geister und Götter bewirken Naturvorgänge und Priestern und Theologen wird eine besondere Machtstellung zugesprochen. Man bezeichnet dieses Stadium auch als das Stadium der Priester- und Kriegsherrschaft. Auf die menschlichen Reifungsprozesse bezogen, spiegelt dieses Stadium das Kindesalter des Menschen wider.

Das metaphysisch - abstrakte Stadium ist eine Art Zwischenstadium auf dem Weg zur absoluten Erkenntnis. Der heranreifende Mensch (nun im pubertären Alter) erkennt, dass nicht Geister und Götter für Naturerscheinungen oder alltägliche Phänomene verantwortlich sind, kennt aber auch noch nicht die wahren Ursachen. Er schwankt zwischen dem was er glauben soll und kann sich viele Phänomene noch nicht erklären. Anstelle der übernatürlichen Kräfte (Geister, Götter) treten nun abstrakte Begriffe, z.B. Substanz oder Äther.

Das dritte Stadium, das positive oder wissenschaftliche Stadium, stellt den Optimalzustand menschlicher Erkenntnis dar. Auch wenn der Mensch jetzt erkannt hat, dass es die "absolute Erkenntnis" nicht gibt, versucht er nun, mithilfe seiner Vernunft und gezielten Beobachtungen, die Welt zu erklären, Zusammenhänge aufzudecken und Gesetzmäßigkeiten zu entdecken. Zu Bedenken ist aber, dass immer nur ein Ausschnitt der Realität mit unseren Sinnesorganen wahrnehmbar ist. Dieses Manko soll ausgeglichen werden, in dem der Mensch durch Einsatz seiner Vernunft lernt, wie Dinge und Sachverhalte zusammenwirken und wie sich Geschehnisse in bestimmten Konstellationen entwickeln werden. Dieses letzte Stadium wird auch als "männlicher Geisteszustand" bezeichnet.

Auf die Wissenschaften übertragen, bedeuten diese drei Stadien, dass auch Wissenschaften sich immer weiter konkretisieren lassen und immer spezifischere Teilbereiche beleuchtet werden können. Dabei bilden die jeweils spezielleren Aspekte Teilbereiche der übergeordneten Wissenschaften, sodass sich einzelne Wissenschaften auch in eine Rangfolge bringen lassen - je nachdem wie weitreichend der Untersuchungsgegenstand gefasst wird.

Auch bei Gesellschaftsordnungen (Zivilisationen) lässt sich eine Dreistufigkeit erkennen. Die erste Stufe (das theologisch-fiktive Stadium) umfasst den Feudalismus (strikte Trennung in übergeordnete Befehlsinhaber (zB Adel) und rechtslosen dritten Stand (zB Leibeigene)), die zweite Stufe (metaphysisch-abstraktes Stadium) entspricht dem Zeitalter der Revolution (aufmüpfig, pubertär) und das dritte Stadium - das wissenschaftliche Stadium - bezeichnet eine neue Gesellschaftsordnung der Zukunft.




Kommentar veröffentlichen